Santiago, westwärts
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    260 Seiten, broschiert, 12,5 x 19,0 cm
  • 978-3-89680-968-1
Als Frau allein auf dem Jakobsweg. Dorothea Braun macht sich voller Mut und Zuversicht auf den... mehr
Spirituelles Tagebuch einer jungen Jakobspilgerin

Als Frau allein auf dem Jakobsweg. Dorothea Braun macht sich voller Mut und Zuversicht auf den Weg nach Santiago de Compostela. In ihrem spirituellen Tagebuch erzählt sie von den Begegnungen auf ihrem Pilgerweg, von den zahlreichen spirituellen Momenten und Kostbarkeiten. Ihr wird deutlich, dass Santiago gar nicht das Ziel ist, sondern der Beginn eines ganz anderen, eines persönlichen Weges zu sich selbst.

So ist das Buch eine besondere Lektüre, die nicht nur als Vorbereitung auf den Jakobsweg gelesen werden kann. Dorothea Braun lädt dazu ein, selbst tief in spirituelle Erfahrungen auf dem Jakobsweg einzutauchen und sich selbst auf den Weg zu machen.

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Dies also ist Roncesvalles, denke ich, von der Straße aus zurückblickend; am Abend... mehr

Dies also ist Roncesvalles, denke ich, von der Straße aus zurückblickend; am Abend zuvor, im letzten Dämmerlicht, hatte es geheimnisvoller, düsterer gewirkt, auch die frischen Morgennebel sind bereits zu »echt«, zu klar für diesen sagenumwobenen Ort ...

Als ich am Abend zuvor hier aus dem Bus stieg, schien der kleine Ort erst wie eine Enttäuschung – dies sollte das berühmte Roncesvalles sein? Ein großer Klosterkomplex mit Stiftskirche, eine Kapelle, ein Gasthaus. Dahinter erhoben sich im abendlichen Dämmerlicht die Höhenzüge der Pyrenäen, dunkelbewaldet, die höchsten Gipfel bedeckt mit weißschimmerndem Schnee.
Fast meint man, den Klang von Olifant, Rolands Horn zu hören, wie er sich bricht an den Hängen, wie er sich ausbreitet, schreiend, bis Kaiser Karl ihn hört, einen Tagesmarsch entfernt. Da steht die kleine, graue Kapelle, in der die zwölf Helden der Franken begraben liegen sollen, der Kaiserneffe Roland, der Erzbischof Turpin, Herzog Eglir und all die anderen, von denen das Rolandslied zu berichten weiß, all die tapferen Haudegen, die aus dem Hinterhalt überfallen wurden von Mauren und Sarazenen, den Verteidigern des Islam in Spanien, oder von Basken, deren Königsstadt Pamplona Karl der Große hatte verwüsten lassen? Mir träumt, die Wälder und Hügel um Roncesvalles würden plötzlich lebendig, überall brächen schwertschwingend die Feinde hervor ... Alles reicht zurück in den Bereich der Sage – aber müssen wir heute denn endgültig zu wissen versuchen, wer wen weshalb überfiel, bekämpfte und tötete? Geht es nicht vielleicht nur darum, dass eben jede Zeit ihre Helden braucht, ihre Helden und ihre Feinde?

Heute forscht man, wie es wirklich gewesen ist, zu früheren Zeiten benutzte man die Namen, die Begebenheiten, die Bilder, wie man sie gerade brauchte. Folgerichtig war dann Roland in den verschiedenen Überlieferungen einmal ein Held gegen die Basken, einmal ein Held gegen die muslimischen Mauren, einmal zog Karl der Große gegen die Basken, einmal gegen die Mauren, um das Grab des Apostels Jakobus in Santiago und den Weg dorthin von den Heiden zu befreien. Ein Engel soll ihm im Traum die Sternenstraße nach Galicien gewiesen haben.
Was immer gleich bleibt in allen Überlieferungen, ist der Verräter aus den eigenen Reihen, ist Durandart, das Schwert Rolands, und das Horn Olifant. Man kann sich so gut vorstellen, wie der Weh- und Hilferuf des Hornes durch das Bergtal scholl, mit welcher Bestürzung der Kaiser und sein Heer es vernahmen, wie sie sich aufmachten, der Nachhut zu Hilfe zu eilen – und wie doch Roland und seine Gefährten alle schon vor der grausamen Übermacht des Feindes gefallen waren, als die Hilfe endlich anlangte. Ich sehe es vor mir, wie der Kaiser neben seinem gefallenen Neffen niederkniet, der noch das Schwert in Händen hält, das gefürchtete Schwert Durandart und das Horn Olifant ... Vielleicht war es dieser Stein hier, an dem der sterbende Roland versucht hatte, sein Schwert zu zerschlagen, damit es den Feinden nicht in die Hände falle? Roland starb, heißt es im Rolandslied, »das Angesicht gen Spanien gewandt« – also nach Westen.
Langsam reiße ich meinen Blick los von der kleinen Kapelle, die die Grabkapelle der Frankenritter sein soll. Wie aus einem Traum erwachend, sage ich: »Ja, nach Westen!«, und wende mein Gesicht in die Richtung, in der alle Pilger gehen, denn im Westen versinkt die Sonne im Meer, ihr gilt es zu folgen. Fast gewaltsam mache ich mich los von den Traumgespinsten des Vergangenen, die an diesem Ort leben. Ich will nun die Vergangenheit ruhen lassen und in der Gegenwart gehen.

Als ich diesen Entschluss gefasst habe, komme ich am sogenannten Karlskreuz vorüber, einem verwitterten Steinkreuz am Wegesrand, geformt wie eine Blume, da die Balken alle gleich lang sind, mit einer irminsulartig geschwungenen Endbegrenzung, von der Zeit und der Witterung unkenntlich gemachte Reliefarbeiten im Sockel, drei ungleiche Stufen. Und während mich etwas wie Ehrfurcht durchläuft, ahne ich, nein, weiß ich bereits, dass es auf diesem Wege wohl kaum möglich sein wird, in der Gegenwart zu gehen, ohne die Vergangenheit mit einzubeziehen, ja dass hier das eine vom anderen noch weniger eindeutig zu trennen ist als sonst.
Ich wandere in den werdenden Morgen. Kleine Wege, Schnee auf den Bergrücken der Pyrenäen, hinab ins Tal; verwunschene Waldpfade, frisches, junges Buchengrün, Blumen, Vögel, vor allem das Ginstergelb: Gelb, Gelb wohin man sieht – es ist der Ginster, der sich mir zuallererst als »typisch Camino« einprägt – Knabenkraut, eine Schlange, die sich vor mir vom Weg ringelt, Kälber und Fohlen auf den Weiden, einige Pferde mit Glocken um den Hals. Ich gehe wie im Traum: Nun also hat der Weg begonnen.

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