Fasten heißt, mich von zahlreichen Fesseln zu lösen

Als Theologen und Pädagogen beschäftigen Peter Müller die Themen Fasten und Pilgern nicht nur aus beruflichen Gründen. Seit 1989 bricht er immer wieder zur Wallfahrt auf – alleine, mit seiner Frau oder auch als Begleiter von Pilgergruppen. Seine bevorzugten Wanderziele sind dabei das ferne Spanien sowie – ganz lokal – der regionale südwestdeutsche Raum. Für den in Rottweil wohnenden Pilgerexperten ist auch das Fasten eine Quelle der Kraft, aus der er Energie für den Alltag schöpft. In seinen Büchern und Seminaren teilt Peter Müller diese spirituellen Erfahrungen mit seinen Lesern.

Charlotte Künne: Lieber Herr Müller, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für unser Gespräch nehmen. Im Moment weilen Sie wieder einmal in der Abtei Münsterschwarzach, da Sie einen Kurs im klostereigenen Gästehaus halten. In den Tagen, die Sie mit den Teilnehmern verbringen, begeben Sie sich gemeinsam auf eine Spurensuche nach dem Sinn im Leben - oder wie Sie es so schön ausdrücken: nach dem inneren Pilgerweg. Aber nicht nur das Pilgern und die damit verbundenen Ideen prägen Ihr Leben, auch das Fasten ist ein integraler Bestandteil. Wann und wie haben Sie das Fasten für sich entdeckt? Gab es da einen bestimmten Moment in Ihrem Leben?

Peter Müller: Als Jugendlicher und noch lange Zeit als Erwachsener bedeutete die Fastenzeit für mich: Vierzig Tage auf das verzichten, was Spaß macht. Eine fast unlösbare Aufgabe. So entwickelte ich eine Antihaltung: „Fasten? Ohne mich!“ Den Sinn des Fastens habe ich erst durch das kleine Buch „Fasten“ von Anselm Grün entdeckt. Es brachte meine ablehnende Haltung und meine inneren Widerstände ins Wanken. Ich wurde neugierig und begann selbst zu fasten. Ich erlebte – wie übrigens viele meiner Kursteilnehmer – das Fasten als einen heilsamen Weg für den ganzen Menschen, um mit neuer Energie das Leben zu gestalten.

CK: Das Fasten ist eine geistige und spirituelle Herausforderung: Wie gelingt es Ihnen in Ihren Seminaren die Menschen auf diesem anspruchsvollen Weg zu begleiten?

PM: Zunächst frage ich mich vor einem Kurs: Was könnte die Teilnehmer bewegen zu diesem Kurs zu kommen? Also ihre Motive, Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Dann beschäftige ich mich mit den inhaltlichen Schwerpunkten des Kurses und spiele dabei neue Übungen und Ideen für mich durch. Schließlich nehme ich mir zum Kursbeginn ausreichend Zeit, damit sich die Teilnehmer kennenlernen, ihre Erwartungen bezüglich des Fasten aussprechen, den Alltag loslassen und sich ganz auf den Kurs einlassen können. Denn Grundlage für eine erfolgreiche Fastenbegleitung ist eine vertrauensvolle Grundstimmung.

CK: Viele Menschen klagen, dass es Ihnen zwischen Beruf, Familie und Verpflichtungen gar nicht gelingen kann zu fasten. Haben Sie Tipps, wie man diese spirituelle Erfahrung doch in den Alltag einbinden kann?

PM: Ich kann dieses Problem wirklich nachvollziehen und rate in solchen Fällen zu einem ganzheitlichen Intervallfasten. Es ist für mich ein einfacher und sanfter, an Rhythmen zwischen Fasten und Essen orientierter, nachhaltiger und wirksamer Fastenweg. Dabei vermeidet man manche Schwierigkeiten, die zum Beispiel bei einem 5-8-tägigen Vollfasten für Gesunde auftreten. Ich brauche wohl etwas mehr Geduld und Stehvermögen, doch das lohnt sich. Gleichzeitig schenkt dieser Fastenweg mir Zeit und Raum, die ich für spirituelle Impulse nutzen kann.

CK: Welche Impulse erfahren Sie beim Fasten für Ihr Leben?

PM: Fasten heißt, mich von den zahlreichen Fesseln der tausend Dinge zu befreien, die mir täglich angepriesen werden. Fasten öffnet und motiviert mich aus dem Sessel meiner Bequemlichkeiten aufzustehen, erstarrtes Handeln zu verändern oder abzulegen und achtsamer zu leben.

CK: Gibt es bestimmte Momente, in denen Sie merken: Jetzt ist es an der Zeit für mich zu fasten?

PM: Die jährliche Fastenzeit und damit in Verbindung die erwachende Natur im anbrechenden Frühjahr, wenn die ersten Schneeglöckchen, Krokusse und Narzissen zu blühen beginnen, wenn an den ersten Bäume Blätter aufbrechen und Blüten neu erwachen, dann spüre ich: Auch ich bin bereit für neue Impulse im Leben.

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