Die neue Autorin des Verlags, Giannina Wedde, stellt sich vor - Teil 2

Charlotte Künne: In Ihrem neuen Buch „In Deiner Weite lass mich Atem holen“ schreiben Sie von der heilenden und befreienden Wirkung des Gesegnetwerden. Was bedeutet es für Sie?

Giannina Wedde: Segen ist etwas, was uns voraussetzungslos geschenkt wird. Deswegen hat es auch etwas von mütterlicher, nährender Liebe. Wir können uns fallen lassen in diesen Raum der Geborgenheit, des Angenommenseins, so wie wir sind und mit allem was uns beutelt. Wir können ein gutes Wort über uns sprechen lassen und müssen dafür nichts leisten. Das ist sehr befreiend und entlastend.

Zudem gibt es noch einen großen Anspruch im Gesegnetwerden: Wenn ich mich segnen lasse, lasse ich mich ein, ich öffne mich, ich bin bereit etwas zu empfangen. Ich unterstelle mich auch einem größeren Wollen, lasse mich mitnehmen von etwas, das über mein Wünschen hinausweist. Das ist wirklich etwas Großes, auch wenn es noch so klein daherkommt.

Es setzt eine Geste des Sich-Öffnens und des Sich-Hingebens voraus, und das merken wir auch, wenn wir uns wirklich darauf einlassen und aufmerksam sind. Bei manchen Segnungen fühlen wir uns geradezu unwohl, weil wir merken, wie Gottes Wille und unser Eigenwille kollidieren, sich reiben und wir herausgefordert werden, umzudenken. Wenn etwa der Segen des Paulus „Der Gott des Friedens sei mit Euch“ ausgesprochen wird, da schreit doch alles in uns auf, was in Streit und Zerwürfnis verstrickt ist, denn dieser Friede will ja in uns lebendig sein. Oder wenn es heißt „Gott erleuchte Euch“, da beschleicht uns eine Ahnung, was es bedeuten könnte, erleuchtet zu sein, und ganz in, mit und für Gott zu leben. Das zieht ja unweigerlich die Frage nach sich: Will ich das überhaupt?

Insofern empfinde ich das Gesegnet werden auch als reinigende, ausrichtende und erneuernde Praxis, die mein Leben radikal verändern will. Die mich mit dem, was Gott mir verheißt, konfrontiert und mir die Frage stellt: Lässt Du dich darauf ein?

CK: Für viele Menschen ist klar: Segen kann ich nur in der Kirche durch den Priester erhalten. Sie aber möchten die Lesenden zu einer „aktiven Segenspraxis“ anhalten – was ist das Besondere daran?

GW: Segnen ist eine Gebetsform, eine spirituelle Praxis, und als solche lädt sie ausnahmslos jeden dazu ein, sie im eigenen Leben zu verankern. Wir sind zum Segnen bevollmächtigt. Und wie das Wort Vollmacht schon andeutet, ist es in der Vergangenheit eine Macht-Frage geworden, wer wann und unter welchen Umständen zum Segnen berechtigt ist. Glücklicherweise trennen sich inzwischen viele von dem Gedanken, nur Priester und Pfarrer seien befugt, Segen auszusprechen. Und da möchte ich auch jeden ermuntern, Segen für sich zu entdecken.

Auf eine sehr einfache, nahezu hürdenlose Art entfaltet es eine verwandelnde Kraft. Wer regelmäßig segnet, löst sich fast beiläufig von Selbstbezogenheit, vom Tunnelblick des Eigeninteresses. Wir stellen uns in eine Weite, in der wir die Welt und den Anderen zunehmend mit anderen Augen sehen.

CK: Wie kann eine solch „aktive Segenspraxis“ uns selbst verwandeln?

GW: Aktive Segenspraxis heißt, dass ich mich bewusst immer wieder in den Segen Gottes stelle. Dass ich meine Ohnmachtsgefühle einerseits und meinen Machbarkeitswahn andererseits in Frage stelle. Dass ich nachhorche, wie es um mein Hiersein in der Welt bestellt ist.

Wir leben in einer Zeit, die sehr großen Wert auf persönliches Glück legt und dieses gleichzeitig ständig unterwandert. Denn das Habenwollen, die Angst vor Kontrollverlust und Verletzung machen uns nicht glücklich. Das machen ganz andere Dinge. Zum Beispiel erlebte Verbundenheit. Erlebte Freiheit und Gestaltungskraft. Fruchtbare Begegnungen. Sinnvolles Tun. Dafür aber müssen wir uns einlassen und auch etwas riskieren. Segenspraxis lehrt uns also, offener zu werden und mehr Lebenstiefe zu wagen.

CK: Wenn uns diese Erfahrung so grundlegend verändern kann, was heißt das für meine Rolle in meinem Umfeld?

GW: Segenspraxis bedeutet auch, dass ich mich mal umschaue. Dass ich bewusst wahrnehme, was in meinem Umfeld passiert, mit meinem Nächsten, mit der Erde. Es ist wie ein Heraustreten aus einem Kokon der mich nicht schützte, an dem ich aber festhielt.

Mit offenem Blick auf die kleine und große Welt, die mich umgibt, nehme ich Anteil an allen brennenden Fragen, an vermeidbarem Leiden, und auch an den großartigen Dingen, die Menschen tun können, wenn sie füreinander einstehen.

CK: Können Sie diesen Weg des Öffnens und der Verbundenheit genauer beschreiben?

GW: Das Segnen verändert sich mit der Zeit. Am Anfang mag es noch sehr von persönlichen Wünschen durchdrungen sein. Aber einen frommen Wunsch für einen Anderen zu haben, ist ja noch nicht das, was Segnen letztlich eröffnet. Auch ein persönliches Segensgebet wird seinen Weg vom Eigenwillen zum „Dein Wille geschehe“ gehen. Das ist ein faszinierender Prozess.

Am Anfang einer Segenspraxis schulen wir vor allem unser Mitgefühl. Wir lassen uns ein auf einen mitfühlenden Blick auf die Kämpfe und die Verletzlichkeit des Anderen. Insofern verstehe ich Segenspraxis als sensibilisierend. Dann wachsen wir auch mehr hinein in unsere Verantwortung zur Weltgestaltung. Wer regelmäßig segnet, merkt rasch, dass ein Wort Tat werden will. Dass tiefes Gottvertrauen nicht bedeutet, die Hände in den Schoß zu legen, sondern diese Welt mit mitfühlenden Händen zu formen.

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  • Sehr einleuchtend

    Alles richtig und gut empfehlenswert! vielen Dank

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