Die neue Autorin des Verlags, Giannina Wedde, stellt sich vor - Teil 1

Charlotte Künne: Liebe Frau Wedde, herzlichen Dank, dass Sie sich für uns Zeit nehmen. Als gefragte Autorin, Liedermacherin und Lebenscoach ist Ihr Terminplan sicherlich überaus voll - deshalb beginnen wir am besten ohne Umschweife.
Sie selbst bezeichnen sich als tief verwurzelt in der christlichen Mystik. Was bedeutet die Erfahrung des Mystischen für Sie?

Giannina Wedde (lachend): Verwurzelt bin ich in einer Kindheitserfahrung von Weite und Gottesgegenwart, in einem ganz natürlichen Erleben eines göttlichen Bewusstseins. Ich habe dieser Erfahrung erst viel später eine Sprache geben können. Im engeren Sinne dann eine christliche Sprache, weil ich merkte dass die christliche Konfession, die Bilderwelt, die Heilige Schrift und die große vielschichtige Musikwelt des Christentums einen Raum öffnen, in dem genau diese Erfahrung atmen kann, und in dem man üben kann, sich auf dieses Wesentliche auszurichten.

Ich habe früh gemerkt, dass das wirklich Anziehende für mich die Mystik ist. Dabei ähneln die mystischen Traditionen der anderen großen Religionen denen der christlichen: Sie öffnen einen Raum, verankern eine Erfahrung im Alltagsleben und vertiefen das Leben.

Die mystische Erfahrung ist ein Geschenk, der wir aber durchaus den Boden bereiten können, um dieser Erfahrung Raum zu geben. Durch Gebet, durch Meditation, durch Stille, und durch ganz willentliche Entscheidungen, uns von Dingen zu lösen, die uns ablenken oder auszehren. Deswegen war ich auch sehr früh begeistert von musikalischen Gebetswegen. Das Herzensgebet wurde mir sehr vertraut, und ich liebte die gregorianischen Gesänge.

CK: So prägten auch andere spirituelle Traditionen Ihren Glaubensweg. Wie sind Sie mit diesen in Berührung gekommen?

GW: Als Jugendliche kam ich in Kontakt mit den Lehren des Zen. Ich begann viel über die mystischen Traditionen zu lesen und suchte das Gespräch mit Mormonen, Buddhisten und anderen Gläubigen. Ich hatte eine ganz große, unbedarfte und dialogfreudige Sehnsucht nach Gott. Als Erwachsene habe ich dann auch persönliche Kontakte zu Sufis und Zenpraktizierenden geknüpft, und diese Traditionen besser kennengelernt.

Ich war lange Zeit nur in meiner Konfession beheimatet. Dann zwischen 20 und 30 öffnete ich mich. Einerseits hatte ich viele Enttäuschungen durch die Kirche zu verarbeiten. Andererseits hatte ich den Eindruck, die Transkonfessionalität, also eine Form des Glaubens, der die Grenzen der Konfessionen bewusst überwindet, sei die Rettung aus der religiösen Krise der Postmoderne, und aus der persönlichen religiösen Krise, die viele irgendwann erleben. In dieser Zeit habe ich die Gemeinsamkeiten der Religionen und auch der freien spirituellen Milieus sehr geschätzt und gefeiert.

CK: Auf den ersten Blick verbindet man aber mit diesen spirituellen Traditionen ganz verschiedene Glaubenspraktiken und auch Kulturkreise. Worin liegen in Ihren Augen die Gemeinsamkeiten der großen Religionen?

GW: Die Mystik bildet in allen großen Religionen einen roten Faden. Die Bedeutung der Konfession rückt spürbar in den Hintergrund, wenn die Aufmerksamkeit auf der Erfahrbarkeit Gottes und auf dem persönlichen Erleuchtungsweg statt auf einer bestimmten Glaubenslehre.

Dabei wirkt das Gebet als Sprache der Seele. Die Gebete der verschiedenen religiösen Traditionen sind sich oft sehr ähnlich, obwohl die kulturellen Kontexte unterschiedlicher kaum sein könnten. Ich finde das sehr bewegend, dass es ein natürliches Bedürfnis nach Zwiesprache mit Gott gibt, das sich in jedem Kontext seinen Weg bahnt. Es ist wie Atmen, es ist eine Selbstverständlichkeit.

CK: Dann sind die Grenzen der Konfessionen eigentlich hinfällig?

GW: Nein. Ich träume bestimmt nicht von einer konfessionslosen Welt. Die Idee der Konfessionen hat für mich sogar wieder an Bedeutung gewonnen. Denn ein konfessioneller Rahmen ist ein Übungsweg mit einer ganz eigenen Symbolik, mit eigenen Ritualen, Narrativen, mit ganz eigenen über Jahrhunderte gewachsenen Erfahrungen. Diesen Schatz zu vernachlässigen, macht uns ärmer.

Jede mystische Erfahrung braucht einen Rahmen, in den sie gebettet ist und in dem sie als verwandelnde Kraft in den Alltag fließen kann. Das bedeutet, dass man nicht die Augen vor dem spirituellen Erbe verschließen sollte, in das man hineingeboren ist – was wir Christen oft vergessen. Aus diesem Erleben und bewussten Leben ergibt sich eine spirituelle Mündigkeit. Sie löst von Unfreiheiten, die organisierte Religion oft mit sich bringt, und befreit von Verletzungen und Verhärtungen, die den staunenden Blick auf die religiösen Wurzeln verstellen.

CK: Entstehen aber nicht gerade durch das Beharren auf Unterschiede auch die Konflikte und Anfeindungen zwischen den Menschen?

GW: Wer aufmerksam und differenziert auf eine gewachsene Religion blickt, der muss neben allen Gemeinsamkeiten auch die Differenz sehen, und diese achten. Sie zu unterschlagen ist eigentlich eher mangelnder Achtung vor den Eigenheiten der gewachsenen Tradition geschuldet, als dem Wunsch nach Gemeinschaft.

Das fehlt mir heute ein bisschen, wir suchen so sehr nach dem Konsens, wir möchten so gerne sagen „Wir beten doch alle zum gleichen Gott“, dass wir der Differenz nicht genug Raum geben. Differenz bedeutet ja nicht, wie es Fanatiker glauben, „Ich bin im Recht und Du im Unrecht“. Differenz bedeutet, es gibt eine Vielfalt als Glaubenswegen und spirituellen Übungswegen, die ihre Berechtigung hat. Die östliche und die westliche Spiritualität sind fruchtbar für einander. In der Auseinandersetzung mit dem anderen Gottes- und Weltbild lernen wir auch, mit neuen Augen auf unser Gottes- und Weltbild zu blicken. Das finde ich wunderbar.

Lesen Sie hier Teil 2 des spannenden Interviews

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Passende Artikel