"Das Göttliche in uns erkennen" - Autorin und Philosophin Katharina Ceming im Gespräch

„… Meister Eckhart – Meister wer?“ Bei vielen Menschen dürfte sein Name wohl genau diese Reaktion hervorrufen. Dass aber unsere moderne Lebensphilosophie von diesem Mystiker des Mittelalters maßgeblich geprägt wurde, ist ihnen wohl kaum bewusst. Denn Eckhart von Hohenheim war nicht nur Mönch, sondern auch Philosoph, Humanist und Freigeist. Gerade sein Weltverständnis und Menschenbild führen uns direkt zu unserer heutigen Auffassung von einem zufriedenen und erfüllten Leben. In ihrem neuen Buch „Lass mal! Mit Meister Eckhart ins Hier und Jetzt“ wirft Katharina Ceming einen Blick auf Meister Eckhart, sein Leben und seine Bedeutung für unsere heutige Gesellschaft. Anlässlich ihrer Buchvorstellung in der Augsburger Buchhandlung Rieger + Kranzfelder am Donnerstag, den 18.10.2018, haben wir mit ihr über Meister Eckhart gesprochen.

Charlotte Künne: Heutzutage taucht der Begriff „Mystik“ in den unterschiedlichsten Zusammenhängen auf, die ursprüngliche Bedeutung ist dabei aber vielen Menschen unklar. Wie verstehen Sie Mystik?

Katharina Ceming: Traditionell bezeichnet Mystik eine bestimmte Form des Religiösen, in der es um das unmittelbare Erleben von Gott geht. Ich würde heute aber lieber von Spiritualität sprechen, da der Begriff etwas weiter gefasst ist. Auch bei der Spiritualität steht die Erfahrungsdimension im Mittelpunkt, aber diese muss nicht mehr an ein religiöses System angebunden sein. Wer heute meditiert, macht das vielleicht nicht mehr, um Gott zu erfahren, sondern um innere Ruhe oder Ausgeglichenheit zu erleben.

CK: Über Meister Eckhart wurde in der Geschichte des Christentums sehr unterschiedlich geurteilt. Die einen sahen in ihm einen aufrührerischen Ketzer, die anderen einen brillanten Theologen, der seiner Zeit einfach nur voraus war. Durch welche Brille betrachten Sie Meister Eckhart?

KC: Ich persönlich halte Eckhart für einen der kreativsten theologischen und philosophischen Denker in der Geschichte des Christentums und gleichzeitig für jemanden, der diese Erkenntnisse tatsächlich in sein eigenes Leben integriert hat. Da Eckharts eigenes Denken stark von der neuplatonischen Philosophie geprägt war, spielt diese auch bei meiner Betrachtung eine Rolle, aber noch mehr geht es mir darum, seine Lehren für uns heute verständlich und lebbar zu machen. Insofern würde ich sagen, es ist eine moderne Brille, durch die ich auf ihn blicke.

CK: Welche hilfreichen Impulse für unser Leben können wir denn von einem mittelalterlichen Denker erwarten?
KC: Ich glaube, das Besondere an Eckhart ist eben gerade, dass er nicht sehr mittelalterlich, sondern eher modern ist. Eckhart war ein Humanist, der das Individuum im Blick hatte. Ihm ging es um die Entwicklungspotentiale des Menschen und nicht um dessen Sündhaftigkeit. Er war überzeugt, dass jeder Mensch das Göttliche immer in sich trägt, auch wenn er es selbst im Moment gar nicht sehen kann. Dieses Göttliche zu erkennen und zu erfahren war für ihn eine der zentralen Aufgaben des Menschseins.

CK: Wenn wir über Meister Eckhart, seine Philosophie und seine Lehren sprechen, klingt das alles sehr theoretisch. Generell wird Philosophen und Akademikern häufig der Vorwurf gemacht, an der Realität vorbei zu leben. Was entgegnen Sie solchen Aussagen?

KC: Lesen Sie mein Buch, ‒ Katharina Ceming lacht ‒ dann wissen Sie, weshalb Eckhart nicht nur ein Lesemeister (Akademiker) war, sondern auch ein Lebemeister, also jemand, der die Theorie ins Leben integriert hat. Zudem teile ich mit Eckhart die Überzeugung, dass Denken Spaß machen kann, weil es nämlich eine der wesentlichsten Fähigkeiten des Menschen ist, die ihn ausmacht.
Wieso Menschen es heute für realitätsnäher halten, ihre Zeit zum Beispiel mit Fernsehen zu verbringen als einmal über sich und ihr Leben nachzudenken, ist vermutlich eines der großen Mysterien des 21. Jahrhunderts.

CK: Über Meister Eckhart gibt es bereits zahllose Bücher, was zeichnet denn Ihr Buch aus?

KC: Mir geht es darum, Eckharts Lehre zum einen verständlich zum anderen dennoch knapp und gut lesebar zu vermitteln, ohne aber zu vereinfachen. Dabei ist es mir wichtig, einen Bezug zu unserer Lebenswelt herzustellen.
Da ich glaube, dass Eckhart auch ein sehr spritziger und humorvoller Geist war, der seine Hörer und Hörerinnen dort abholte, wo sie standen, wollte ich dem auch in der Art wie ich das Buch geschrieben habe, Rechnung tragen.

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