"Alles Neu" macht nur der Mai?

Eigentlich hatte Matthias Gahr nach dem Abschluss seiner Promotion im Bereich der Paläontologie eine etwas andere Karriere für sich im Blick. Statt Schätze aus vergangenen Erdzeitaltern zu heben, verhilft er nun aber ganz anderen Kostbarkeiten ans Licht der Welt: den Ratgebern und Lebenshilfebüchern aus dem Vier-Türme-Verlag. Seit 2003 betreut er dort die Herstellung der Bücher und begleitet sie durch alle Phasen ihres Entstehungsprozesses.

Aber fangen mit dem Wörtchen „eigentlich“ nicht häufig die spannendsten Lebensgeschichten an?

Wie er den Einstieg ins Verlagswesen fand, wieso Literatur und Paläontologie gar nicht so weit voneinander entfernt sind und welche Rolle die Musik für seinen Glauben spielt, erzählt der 46-jährige Vater von zwei Kindern im Gespräch.

 

Charlotte Künne (CK): Wie kommt es, dass du als promovierter Naturwissenschaftler in einem religiösen Verlag arbeitest?

Matthias Gahr (MG): Als ich mit Studium und Promotion fertig war, befand sich die Hochschullandschaft gerade im Umbruch. Aus finanziellen Gründen wurden viele Lehrstühle der Geowissenschaften geschlossen, freie Arbeitsplätze waren selten. In dieser Zeit traf ich auf dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 auf einen alten Bekannten: Pater Mauritius Wilde.

Während meiner Schulzeit am Egbert-Gymnasium der Abtei Münsterschwarzach  hatten wir gemeinsam Musik gemacht, zum Beispiel für Musicals oder im Kammerchor. Natürlich kamen wir sofort ins Gespräch. Pater Mauritius, mittlerweile Leiter des klostereigenen Verlags, gab mir zum Abschied noch seine Visitenkarte mit – ich könnte mich ja mal bei ihm melden.

Ein paar Wochen später und noch immer ohne Aussicht auf eine wissenschaftliche Anstellung rief ich tatsächlich im Vier-Türme-Verlag an… und der Rest ist sozusagen Geschichte. Ich begann meine Verlagslaufbahn als promovierter Praktikant, setzte meine Ausbildung als Volontär fort, übernahm dann eine Assistenz im Bereich Marketing und Lektorat und wurde schließlich Leiter der Herstellung.

 

CK: Aber als Schüler auf dem Egbert-Gymnasium hattest du dich nie für den Verlag interessiert?

MG: Nein. Lustigerweise habe ich mich zu Schulzeiten eher gefragt, wo denn auf dem Klostergelände dieser »Vier-Türme-Verlag« sei, von dem man immer las. Damals war der aber nur ein Zweimannbetrieb unter der alten Gästehauspforte bei der Kirche, mit Lagerräumen neben dem Sarglager im Keller des Klosters. Die Verlagstätigkeit ist also nicht räumlich in Erscheinung getreten und war noch sehr viel mehr mit der Druckerei verbunden.

 

CK: Worin genau bestehen deine Aufgaben im Verlag?

MG: Als Hersteller im Verlag, manche sagen auch Produktmanager dazu, begleite ich die einzelnen Titel, Bücher, Kalender, CDs von der ersten Idee bis hin zur Ausführung, der Gestaltung und der Anlieferung des fertigen Produktes.

Anders als der Lektor, der zusammen mit dem Autor den inhaltlichen Entstehungsprozess betreut, habe ich die finanzielle und technische Seite des Projektes im Blick. Ist der Titel im Lager angekommen, ist meine Arbeit daran erst einmal beendet – bis dann eventuell eine Nachproduktion des Titels ansteht, die ich dann auch wieder organisiere.

 

CK: Glaube und Naturwissenschaft erscheinen vielen Menschen als unvereinbare Gegensätze. Empfindest du als Naturwissenschaftler in einem christlichen Verlag ähnlich?

MG: Ich denke, es verhält sich so, wie es Albert Einstein formuliert hat: "Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft blind."
Ich kann als Wissenschaftler vieles erklären, Aufbau und Geschichte der Erde, Wachsen und Vergehen von Leben, Formen, Strukturen und Prozesse. Doch man gelangt an sehr viele Punkte, wo man über Entwicklungen nur staunen kann, weil man letztendlich das WARUM dahinter nicht versteht.

Mein Lieblingsbeispiel: Die Wissenschaft kann erklären, dass Leben entsteht, wenn sich zwei haploide Chromosomensätze von Eizellen und Spermien zu einem diploiden Chromosomensatz vereinigen. Was die Wissenschaft jedoch nicht ohne Weiteres erklären kann: Warum wollen sich Eizellen und Spermien überhaupt verbinden? Was treibt sie an? Und was treibt den diploiden Chromosomensatz dann an, sich zu teilen und so zu wachsen?

Die Antwort auf dieses WARUM, dieser Urgrund, der Leben ausmacht, muss universal sein, denn diese Prozesse der Vereinigung laufen in ähnlicher Weise in allen Lebensformen – Einzeller, Pflanzen, Tiere … – seit Milliarden von Jahren ab.

Wenn ich im umgedrehten Fall aber nur durch die Brille der Religion auf die Welt schaue und wissenschaftliche Fakten außer Acht lasse, führt das zu Aberglaube und Esoterik.

 

CK: Du bist aber nicht nur im Hintergrund des Verlags tätig, sondern auch Herausgeber und Verfasser des Gebetbüchleins „Du schenkst mir Kraft - Männergebete“. Was macht für dich die Kraft des Gebets aus?

MG: Beten heißt für mich Innezuhalten, eine Pause einzulegen, und den Blick zu heben, aus meiner Perspektive heraus, auf Gott hin. Allein schon dieses Heraustreten aus der immer gleichen Perspektive kann etwas bewirken. Wenn ich dann noch das, was mich bewegt, ehrlich und offen in die Gegenwart Gottes (laut) ausspreche, kann ich mich »gehört« fühlen, ich stehe dann nicht mehr alleine in der Situation.

 

CK: In der christlichen Tradition werden Gebete und Lobpreisungen Gottes häufig gesungen, man denke da nur an das Lautenspiel König Davids in der Bibel oder die gregorianischen Choräle. Welche Rolle spielt die Musik für dich als Pianist und Liedermacher in der christlichen Pop- und Rockband um Glauben zu erfahren?

MG: Musik ist für mich mehrdimensionaler als das gesprochene Wort. Dem Text wird eine Melodie gegeben, die wiederum von Rhythmik und Harmonik des Songs getragen wird. Für mich als Songwriter ist wichtig, dass jedes Stück eine eigene Atmosphäre hat, die man auch erspüren kann, wenn man den Text nicht versteht.

In den gregorianischen Gesängen wird diese Atmosphäre in erster Linie durch die textbezogene Melodieführung erzeugt, in meiner Arbeit, die sich am ehesten in den Bereichen Pop und Jazz ansiedeln lässt, ist mir dafür die Harmonieführung und die psychologische Wirkung der Voicings wichtig. Mehrdimensionaler als im gesprochenen Wort kann so der Sänger und auch der Zuhörer unmittelbarer und mit verschiedenen Sinnen, intensiv und ganzheitlich die Gefühlslagen erleben und selbst ausdrücken.

 

CK: Vom 09. bis zum 13. Mai findet der 101. Katholikentag in Münster statt. Mit deiner Band „Sternallee“ wirkst du bei vielen verschiedenen Veranstaltungen mit. Wann können denn die Besucher euch live erleben?

MG: Zunächst begleiten wir zwei Podiumsveranstaltungen: am 10. Mai um 16.30 Uhr das Podium »Frauenämter in Synagoge, Kirche und Moschee« im Festsaal des Historischen Rathauses, und am 11. Mai um 14.00 Uhr das Podium »Kirchen und Religionen im Sog gesellschaftlicher Gewalt« im Hörsaalgebäude der Universität Münster. Hier treten wir mit einem kleinen, akustischen Setup auf.

So richtig voll, mit Bass und Schlagzeug, wird es aber bei unseren eigenen Konzerten. Wir spielen „open air“ am 11. Mai um 20.30 Uhr auf der „Best-of“-Bühne auf dem Platz des Westfälischen Friedens, da wir als »eine der besten Bands des Katholikentages« ausgewählt wurden … hoffentlich hält das Wetter! Und zum Abschluss geben wir dann am 12. Mai um 18.00 Uhr ein Konzert in der Apostelkirche.

CK: Das Programm, mit dem ihr auftretet heißt „Alles Neu“. Das ist ebenfalls der Name eures neuen Albums. Was steckt hinter der Namensgebung?

MG: »Alles neu« ist in erster Linie der Titel eines Songs der CD. Die Keimzelle war die Liedzeile »Du machst alles neu«. Sie entstand für die Band in einer Zeit des Umbruchs, als Christina Siebert, Mitbegründerin, Sängerin und Songwriterin der Sternallee die Band verließ. Dieses »Du machst alles neu« war damals eine kleine Gebetszeile der Zuversicht, entlehnt aus einem biblischen Vers, genauer Offenbarung 21,5: »Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!«

Dass tatsächlich mit unserer neuen Sängerin Susanne Scherer »alles neu« wurde und es sogar mit einer neuen CD weitergehen konnte, ist natürlich eine tolle Bestätigung für unser Vertrauen und unsere Zuversicht.

Und: Ja, natürlich ist der Song »Alles neu« letztendlich für die Zuhörer geschrieben, als Verheißung, dass auch in ihrem Leben immer wieder »alles neu« werden kann.

 

CK: Worauf freust du dich am Katholikentag besonders?

MG: Vor allem freue ich mich darauf, mit unserer Band ein paar gemeinsame Tage erleben zu dürfen, das kommt bei uns leider zu selten vor.

Natürlich sind unsere Auftritte die Highlights, vor allem die beiden Konzerte, bei denen wir auf großer Bühne für die Menschen musizieren dürfen. Das ist schon etwas Besonderes. Ich freue mich auch auf die Begegnung mit den Kollegen von »Carolin No«, die ebenfalls in Münster spielen werden und deren Musik ich sehr mag.

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