Jochen Mangelsen, Philipp Alexander Schmitt

Chorizo, Sirenen und wilde Gänse - Der Jakobsweg - Ein Tagebuch

Auf Jakobswegen

14,99 € *
128 Seiten, broschiert, 12,5 x 19,0 cm, ISBN 978-3-89680-969-8
Zwei Generationen auf dem Jakobsweg

Zwei Pilger aus unterschiedlichen Generationen gehen zusammen den Jakobsweg. Unabhängig voneinander machen sich Jochen Mangelsen (geboren 1942) und Philipp Alexander Schmitt (geboren 1969) Notizen auf ihrer gemeinsamen Pilgerreise. Es entsteht ein kurzweiliger Bericht über die rund 900 Kilometer Pilgerreise zu Fuß auf dem Camino de Santiago. Dabei wird das Überwinden äußerlicher und innerlicher Schwierigkeiten unweigerlich zur spirituellen Erfahrung und zum großen Weg zu sich selbst.

Ein erfrischend anderer Blick auf die Abenteuer des Jakobswegs, jenseits von Pilgerromantik und Heiligenlegenden.

 

Somport – Jaca – Arrés


Start in den Schnee
24. MÄRZ


JOCHEN
Wir sind unterwegs. Es war gar nicht so einfach, die Anreise über Hannover, Bilbao, Pamplona – die Damen tragen Pelz, das hätte uns zu denken geben sollen – und Jaca nach Somport dauert rund 24 Stunden. Um 16 Uhr gestern setzt der Busfahrer uns im Nirgendwo ab: Der Somport-Pass ist nur meterhoher Schnee, Sturm, eine Bar und eine laute laute Stimme: geht, geht, geht. Den Kilometerstein 858 müssen wir fast ausgraben, keine Chance, hier einzubiegen auf den Camino Santiago. Bleibt vorerst nur die Straße. Der große Schritt über die Grenze entfällt, so wird uns erst nach ein paar hundert Metern klar, was passiert ist: Wir sind unterwegs. Hei, Philipp, wir sind wirklich auf dem Weg. Auch so kann Glück aussehen: Eiskristalle in den Augen, Schneegestöber, Kälte. Also mit Sturm im Rücken die Straße bergab. Nach Canfranc Estación. Ein Prachtbau von Bahnhof, erbaut von König Alfonso, heute irgendwie ziemlich sinnlos in der Gegend herumstehend. Die Herberge hat »bis Freitag geschlossen«. Hotel gesucht, Casa Marieta, um 19 Uhr geschlafen und – behauptet wenigstens Philipp – geschnarcht.
Heute Morgen strahlende Sonne, nach wenigen Kilometern am Friedhof von Canfranc Pueblo links über den Río Aragón endlich auf den alten Pilgerpfad. Hier kann uns nichts mehr passieren: Keine Gefahr mehr, dass Philipp sich im Fahrstuhl am Schnürsenkel zu Tode stranguliert (fragt nicht, wie das geht ...), keine Lawinengefahr, keine Angst mehr vor abstürzenden Schneebrettern: Dies ist der Camino Santiago. Die erste Herberge in Jaca, Schlafsaal mit Bettkabinen, Bad, Küche, alles sehr komfortabel für sechs Euro. Der erste Stempel im Pilgerpass, die Jakobsmuschel am Rucksack. Wir sind Pilger, na also. Und es sind nur noch 830 Kilometer bis ans Ziel. Die Waden schmerzen, die Schultern sowieso, die Füße brennen, das Knie rebelliert. Alles ist gut, so wie es ist. Heute Abend folgt der kirchliche Segen. Dann hat das Spirituelle vielleicht ab morgen eine Chance gegen den schweren Rucksack.


Unterwegs

PHILIPP
Wir sind unterwegs, ich bin zurück in Spanien, endlich auf dem Camino de Santiago. Und Spanien empfängt uns mit strömendem Regen.
Nordspanischer Dauerregen besitzt eine Qualität, die den Stolz eines Norddeutschen auf sein Schietwetter ins Wanken bringt. Trotz des Vermögens, das ich für meine Ausrüstung ausgegeben habe, fürchte ich, dass dieser Regen meine Hightechfunktions-super-was-auch-immer-Klamotten einfach wegspülen wird. Also ziehe ich in Pamplona, noch auf der Anreise, los, um die billigsten und festesten Müllsäcke zu kaufen, in die ich mich hüllen kann. Das Wetter kann sich nicht entscheiden, ob Schnee oder Regen vom Himmel fallen soll.
Aus Sorge wird Angst. Ich fürchte nur zwei Dinge auf Wanderungen: Verhungern und Erfrieren. Wir sind auf der Anreise nach Jaca, das nur 800 Meter hoch liegt, und schon hier fährt der Bus durch unwirtliche Schneelandschaften. Erfrieren wird immer wahrscheinlicher – Somport, unser Ausgangsort, liegt auf 1 600 Meter! In Deutschland habe ich immer wieder gemahnt, wir sollten uns darauf vorbereiten, dass es ziemlich kalt in Spanien sein kann und erst recht in Nordspanien. Spanien weckt im Allgemeinen aber Vorstellungen von heißen Sommerurlaubsfreuden, und so wurden meine Sorgen wider besseres Wissen weggelacht.
In Somport schmeißt uns der Fahrer in meterhohen Schneemassen und in einem wütenden Schneesturm aus dem Bus. Wir wickeln uns in die Mülltüten, und mit gegen den Sturm gesenktem Kopf gehen wir los. Die Scheißfrage: »Was ist der Sinn des Camino?« wird vom ersten Windstoß weggeblasen und verschwindet in der nächsten Schneewehe.
Weil es schon Nachmittag ist und wegen des Wetters wird es nur eine kurze Tour ins nächste Dorf: Canfranc. Ein größenwahnsinniger Bahnhof ohne Ort. Eine Touristeninformation, ein oder zwei Hostales und eine Pilgerherberge. Eingeschneit, ruhig und idyllisch liegt die Herberge, kein Fußabdruck auf dem Weg zur Tür. Wir öffnen die Tür zum Windfang, dahinter klebt ein verblichener Zettel »Geschlossen bis Freitag«. Es ist nicht ganz klar, welcher Freitag gemeint war. Die Innentür ist verschlossen, und nach einem Blick in die Fenster gewinnt die Herberge auch nicht mehr an Charme: Bis Freitag (welchen auch immer) wollen wir nicht warten. Wir suchen uns ein kleines Hostal, zahlen keinen pilgergerechten – also einen zu hohen – Preis und werden noch keine echten Pilger.
Am nächsten Morgen stapfen wir in immer noch ein Meter hohem Schnee los und steigen die Pyrenäen hinab. Irgendwann kommt die Sonne sogar bis in unser Tal, und es wird ein wunderschöner Tag. Auf 1 000 Metern ziehe ich all meine Jacken aus – drei Klimazonen inklusive sattem Sonnenbrand, und das alles am ersten Tag. Die Tour endet in Jaca in einer, wie es im Postkartenjargon heißen würde, sehr sauberen und modernen Pilgerherberge. Pilgerherberge bedeutet Schlafsäle, und das heißt, ich werde eine Menge Privatsphäre aufgeben müssen. Diese Herberge ist besonders abgefahren. Es sind immer zwei Betten in einem Abteil, das wie ein Büro-Cubicle aussieht, alles in einem psychedelischen Orange-Ton gehalten, als ob es sich mit Jochens Baseballkappe abgesprochen hätte.
Letzte Nacht habe ich festgestellt, dass Jochen schnarcht ... aber in weiser Voraussicht habe ich Ohrstöpsel mitgebracht. In der Herberge stoßen wir auf unseren ersten Pilgergenossen, oder -bruder? Einen Norweger, 70 Jahre alt und schon zum dritten Mal auf dem Camino – bla bla bla ... Ich bin gebührend beeindruckt, und nachdem er mir alles erzählt hat, hoffe ich, dass er nicht schnarcht. Wir drei sind die einzigen in der Herberge, was mir die Gelegenheit gibt, dass ich mich langsam an die Aufgabe meiner Privatsphäre gewöhnen kann. Jetzt sind wir schon fast richtige Pilger, fehlt nur noch der Pilgersegen, den man sich im Abendgottesdienst der Kirche abholen kann. Danach werde ich nur noch meine Füße segnen, indem ich sie ins Bett und in die Waagrechte bringe.

 
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