Wunibald Müller, Detlev Cuntz (Hrsg.)

Gegensätze vereinen - Beiträge zu Thomas Merton

17,99 € *
125 Seiten, broschiert, 14,5 x 22,0 cm, mit 8 s/w-Fotografien, ISBN 978-3-89680-897-4
Zur Erinnerung an Thomas Merton

"Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass gerade die Widersprüche in meinem Leben auf eine gewisse Art Zeichen von Gottes Gnade sind." Thomas Merton

Der Trappistenmönch Thomas Merton (1915–1968) ist einer der einflussreichsten christlichen Mystiker neuerer Zeit. Sein Einsatz für Frieden und Menschenrechte machte ihn weltweit bekannt, seine Bücher wurden internationale Bestseller.
In verschiedenen Beiträgen anlässlich des Symposiums seines 100. Geburtstags in der Abtei Münsterschwarzach belegen die Autoren die Aktualität des Denkens und Schreibens Thomas Mertons für die spirituelle Suche von Menschen unserer Tage.

Mit Beiträgen von: Anselm Grün, Wunibald Müller, Detlev Cuntz, Otto Betler, Gary Hall, Iris Mandl-Schmidt, Paul M. Pearson, Michaela Pfeifer, Martin Tamcke, Kosmas Lars Thielmann und Thomas Wagner



 

ANSELM GRÜN

 
Thomas Merton – Die Gegensätze vereinen
Was mich an Thomas Merton fasziniert, ist die Persönlichkeit, die gegensätzliche Strömungen in sich zu vereinen sucht. Ob es Thomas Merton immer gelungen ist, die Gegensätze in sich miteinander zu versöhnen, möchte ich nicht beurteilen. Aber ich glaube, seine Lebendigkeit rührt von dieser inneren Gegensätzlichkeit her. Und dass er viele Menschen angesprochen hat und noch heute anspricht, das hängt auch mit seiner Persönlichkeitsstruktur zusammen. Wenn er nur der fromme Mönch gewesen wäre, der alle Erwartungen des Abtes erfüllt, hätte er sicher nicht so viele Menschen in ihren Herzen bewegt. Die Leser und Leserinnen spüren in den Schriften von Thomas Merton einen Menschen, der darum ringt, die Gegensätze im eigenen Herzen miteinander zu verbinden. Sie erkennen sich in ihm wieder, gerade weil er oft genug hin und her gerissen ist zwischen den verschiedenen Bedürfnissen, Sehnsüchten und Leidenschaften.

Vater und Mutter

Die erste Gegensätzlichkeit, die Thomas Merton in sich trägt, stammt von seinen Eltern. Die Mutter Ruth Jenkins war Amerikanerin, der Vater Owen Merton Neuseeländer. Beide waren Künstler. Doch während die Mutter reiche Eltern hatte, musste der Vater sich ständig mit Armut herumschlagen. Der Vater liebte Frankreich, vor allem das Bäuerliche. Er war Maler, eine stolze Persönlichkeit, und wollte die Familie aus eigener Kraft ernähren. Doch das gelang nicht. So zog er, als Thomas ein Jahr alt war, zu den Schwiegereltern in die USA.
 
Die Mutter schrieb alles, was Thomas tat, in einem Buch auf. Das gab Thomas das Gefühl, dass alles, was er tat und dachte, wichtig ist. Und so hielt Thomas später alles, was er tat und erlebte, in einem Tagebuch fest. Von der Mutter hatte Thomas also das autobiografische Schreiben gelernt. Doch kaum war er sechs Jahre alt, starb die Mutter. Für Thomas war das ein Schock. Er fühlte sich allein, konnte mit niemandem über seinen Schmerz sprechen.
Nach dem Tod der Mutter zog der Vater wieder nach Frankreich. Vom Vater lernte er die Liebe zur mittelalterlichen Kultur kennen, der er in Frankreich begegnete. Ständig besuchte er alte Kirchen und Ruinen. Doch dann litt die Liebe zu Frankreich, als Thomas in ein Internat kam und von seinen französischen Schulkameraden geschlagen und isoliert wurde. So zog der Vater mit ihm nach England. Dort machte Thomas gute Erfahrungen in der Schule. Als Thomas 15 Jahre alt war, starb der Vater an Magenkrebs. Wieder erlebte Thomas Verlassenheit und Schmerz. Dem Vater verdankte Thomas die Liebe zur mittelalterlichen Kultur, aber auch zum englischen Dichter und Revolutionär William Blake. William Blake (1757–1827), Visionär, Künstler, Dichter, religiöser Rebell und einsamer Prophet wurde für Thomas Merton zum Vorbild, vor allem in seiner mystischen Vermählung von Kunst und Glauben. Aber auch die Aufspaltung des Menschen in eine selbstsüchtige und verständige männliche Seite und in eine empfindsame weibliche Seite hat Thomas Merton bei Blake angesprochen, und er hat darin eine Deutung seiner eigenen Seele gefunden.
Reisen und Stabilitas in der Gemeinschaft
In seiner Jugend ist Thomas viel in der Welt herumgereist: von Frankreich in die USA, dann wieder nach Frankreich, dann England und wieder in die USA. Sein Großvater ermöglichte ihm nach dem Tod seines Vaters viele Reisen durch Europa, auf denen Thomas auch seine Sprachkenntnisse erwarb. Er sprach nicht nur Englisch und Französisch, sondern auch Italienisch, Spanisch und Portugiesisch und konnte Deutsch
und Griechisch lesen. Thomas trat nach seinen Wanderjahren in die Abtei in Gethsemani ein. Er wählte den Gegenpol zu seinen Reisen. Aber zeit seines Lebens drängte es Thomas Merton immer wieder zu Reisen. Immer wieder bat er den Abt, an diesen oder jenen Ort zu fahren. Doch der Abt erlaubte es nicht. Schließlich erlaubte der neue Abt die große Reise nach Ostasien. Auf diesem Weg besuchte er zuerst Klöster in Kalifornien und New Mexico, dann nahm er an einer Konferenz in Kalkutta und schließlich in Neu-Delhi teil. Er besuchte den Dalai Lama in seinem Wohnsitz in Dharamsala. Dann reist er nach Sri Lanka und schließlich nach Bangkok. Es wurde seine letzte Reise, seine Reise in die Ewigkeit.
In Thomas steckte beides: die Sehnsucht, an einem Ort Wurzeln zu fassen, und zugleich die Sehnsucht, fremde Kulturen zu bereisen und zu erfahren und spirituellen Menschen in der ganzen Welt zu begegnen. Aber letztlich war die Reise für ihn auch ein Symbol: auf dem Weg sein und suchen und nirgendwo anders ankommen als im eigenen Herzen und bei Gott.

Mönch und Anti-Mönch

Mit seinem Buch Der Berg der sieben Stufen wurde Th omas Merton zum Mustermönch. Viele junge Männer folgten ihm in ein Trappistenkloster. Er wurde zum Aushängeschild des Mönchtums. Und in den ersten Jahren war er auch voller Begeisterung für das Ideal des Mönchseins. Doch bald wich die Begeisterung auch der Enttäuschung über sich selbst und über seine Mitbrüder. In einem Brief an die Theologin 0Rosemary Radford Ruether schreibt er:
Ich trage nicht mit Wohlgefallen das Etikett Mönch ..., denn ich bin inzwischen der Überzeugung, dass die angemessenste Art, ein richtiger Mönch zu sein, die ist, ein Nicht-Mönch und Anti-Mönch zu sein.
Thomas litt manchmal unter der Enge seiner Gemeinschaft. Am Anfang war er fasziniert, gegenüber seiner bisherigen Ruhelosigkeit sich an die
Regeln des Klosters zu halten. Doch dann spürte Thomas, wie das Kloster ihn auch einengte. Seinen Tagebüchern vertraute er manchmal seine Wut über die Enge des Abtes und über die Enge der Kirche an. Die Theologie der 50er-Jahre unterdrückte selbständiges Denken, nicht nur im Kloster, sondern auch in der Kirche. Er verstand das Mönchtum immer als eine Art Rebellion. Doch nun musste er beobachten, wie sein Kloster eine effiziente Umwandlung zu einem Industrieunternehmen durchmachte.
Genauso kritisch wie die Entwicklung seines Klosters beobachtete Thomas Merton die Situation der katholischen Kirche. Er hatte Ende der 50er-Jahre den Eindruck, dass die Antworten der katholischen Theologen auf die großen Sinnfragen nicht mehr angemessen seien. Er kritisierte sehr scharf den katholischen Schriftsteller Gilbert Chesterton. Er sprach von seiner Aufgeblasenheit und von seiner Tendenz, allzu schnelle Lösungen für die Probleme der Zeit parat zu haben, ohne sich der Krise wirklich zu stellen. Er kritisierte seine Selbstgefälligkeit. Thomas Merton entschied sich für den Zweifel und die radikale Selbsterforschung.
Die Spannung zwischen Mönch und Nicht-Mönch kam auch in seiner Beziehung zur Krankenschwester M. zum Ausdruck. Thomas wollte auf jeden Fall Mönch bleiben. Zugleich spürte er eine tiefe Liebe zu dieser Krankenschwester. Und er erlebte, wie diese Liebe alle seine bisherigen Vorstellungen vom Mönch, der allein von Gottes Liebe lebt, in Frage stellten. Doch Thomas Merton hat sich der Liebe gestellt. Und durch die Liebe wurde er nachher zu einem sensibleren und authentischeren Mönch. Und auch seine Begegnungen mit den Menschen wurden liebevoller und offener.

Die Sehnsucht nach Einsamkeit und die Kommunikation

Thomas Merton hatte während seines Ordenslebens immer wieder den Wunsch geäußert, in eine Einsiedelei zu gehen. Doch der Abt hatte dafür kein Verständnis. Schließlich erlaubte der Abt ihm den Umzug in die Einsiedelei. Dort genoss Thomas Merton das Alleinsein. Aber zugleich korrespondierte er mit der halben Welt. Und er bekam ständig auch Besuch von Freunden, mit denen er diskutierte. Er war im Gespräch ganz präsent.
In der Einsiedelei wollte sich Thomas Merton der Stille und dem Schweigen widmen. Aber ständig hatte er auch das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Das Schreiben über die Stille ist das Gegenteil von dem, was Thomas Merton eigentlich erstrebte: einfach nur da zu sein und still zu werden und in der Stille offen zu sein für Gott. Henry Nouwen sprach mit einem Trappisten, der auch als Einsiedler lebte, über Thomas Merton. Der Einsiedler meinte: Für die wenige Stille, die Thomas Merton erfahren hat, hat er gut darüber geschrieben.
Die Weltflucht und das Erheben der eigenen Stimme
Thomas Merton trat ins Trappistenkloster ein, um sich von der Welt zurückzuziehen, um sich allein dem Gebet und der Meditation und der Arbeit zu widmen. Doch im Laufe der Zeit spürte er, dass er seine monastische Berufung nur leben konnte, wenn er sich auch einmischte in die Fragen der Gesellschaft. Er nahm Kontakt auf zur Friedensbewegung, die gerade zur Zeit des Vietnamkriegs viele Katholiken anzog. Er schrieb Protestbriefe gegen den Krieg. Zugleich kritisierte er manche Aktionen der Friedensbewegung. Aber er wurde zu einem wichtigen Sprachrohr der Friedensbewegung. Merton litt darunter, dass die Sprache von den Machthungrigen verfälscht und verzerrt worden war. Sein Biograf Michael W. Higgins äußert sich zum Schreiben von Th omas Merton:
Er schrieb mit neuer Zielsetzung, aus der Überzeugung, dass das Wort über eine die Seele erlösende Macht verfüge. Falls er könnte, wollte er die Sprache von ihren vielen Krankheiten heilen und aus ihr wieder ei¬nen Turm des Verstehens und Einsseins machen, damit wir nicht länger mit dem Turm von Babel, dem Turm der Verwirrung und Spaltung leben müssten.

In der Vergangenheit verwurzelt – Visionär der Zukunft

Als Novizenmeister der jungen Trappisten vertiefte sich Thomas Merton in die Schriften der frühen Mönche und der Zisterzienser des Mittelalters. Er war ungeheuer belesen auch in den Kirchenvätern und in den Mystikern. Vor allem Meister Eckehart hat es ihm angetan. Das Verwurzeltsein in der Vergangenheit gab ihm inneren Halt und Kraft. Aber zugleich wollte Thomas Merton sich nicht mit dem Studium vergangener Autoren begnügen. Er beobachtete genau die Menschen der Gegenwart, ihre Fragen und Sehnsüchte, ihre Nöte und Bedürfnisse. Und er entwickelte Visionen nicht nur für die Zukunft des Einzelnen, sondern für die Zukunft des Klosters, der Kirche, der Gesellschaft. Seine innere Unruhe trieb ihn an, sich nicht damit zufriedenzugeben, aus der Vergangenheit zu leben. Er wollte mitarbeiten an einer besseren Zukunft der Welt.

Zwischen Ost und West

Thomas Merton war als Trappist in der westlichen und christlichen Tradition verwurzelt. Doch zugleich war er offen für das Mönchtum, das im Osten praktiziert wurde. Er las buddhistische Texte und fand dort Erfahrungen, die seine eigenen Erfahrungen von Stille und Gott vertieften. Er meinte, dass die Tyrannei von Denken und Macht in der westlichen Kultur die echte Spiritualität und lebensbejahende Fantasiekraft erdrücke.
Merton sog die Weisheit der östlichen Spiritualität in sich auf und versenkte sich in die gemeinsame Suche nach Gott. Er verstand sein Interesse für die östliche Weisheit als Ziel seines ständigen Unterwegsseins. Er wollte unterwegs sein zum Herzen aller Wirklichkeit. Und er war überzeugt, dass auch ein westlicher Mönch sich mit der asiatischen Literatur genauso vertraut machen sollte wie mit der griechischen und römischen Literatur. Thomas konnte sich in aller Freiheit und Offenheit auf die asiatische Mentalität, auf die Spiritualität des Hinduismus und Buddhismus einlassen, weil er fest verwurzelt in der christlichen Tradition stand. Ihm war klar, dass er immer Mönch der Abtei Gethsemani bleiben wollte. Trotzdem öffnete er sich den Erfahrungen, denen er bei buddhistischen Mönchen begegnete.

Schlussgedanken

Donald Grayston sieht in Thomas Merton den exemplarischen spirituellen Sucher und Abenteurer. Er fasst sein Bild von ihm zusammen:
Er war eine Ikone der Ganzheit, eine Ikone christlicher Ganzheit. Das muss nicht heißen, das er vollkommen war; es heißt vielmehr, dass er mit all dem zu kämpfen hatte, mit dem wir Christen heutzutage kämpfen müssen. Ja, ich wäre sogar zu sagen bereit, er sei eine Ikone über die Christengemeinschaft hinaus, eine Ikone spiritueller Ganzheit, die nicht so sehr etwas zustande oder zu Ende bringt, sondern weiterwirkt.3
Gerade weil Thomas Merton alle Gegensätze in sich zu vereinen suchte, ist er sein Leben lang ein suchender Mensch geblieben. Und gerade seine ehrliche Suche fasziniert uns heute. Thomas Merton gibt uns Mut, uns den eigenen Gegensätzen zu stellen.
Sich den Gegensätzen stellen, das war für Carl Gustav Jung unsere Aufgabe auf dem Weg unserer Selbstwerdung. So möchte ich zum Schluss zwei Zitate von Jung bringen. Für Jung geht es bei der Integration der Gegensätze nicht um Perfektsein, sondern um »Vollständigsein«, ein ganzer Mensch zu werden:
Ein »vollständiges« Leben besteht nicht in theoretischer Vollständigkeit, sondern darin, dass man vorbehaltlos gerade das Schicksalsgewebe akzeptiert, in das man sich verflochten sieht, dass man versucht, einen Sinn hineinzubringen und aus dem chaotischen Durcheinander, in das man geboren ist, einen Kosmos zu erschaffen.
Thomas Merton hat aus dem Chaos, in das er durch seine Kindheit und Jugend hineingestellt worden war, einen Kosmos geschaffen. Er hat die vielen Gegensätze zu einem Ganzen geformt, ohne die Spannung zwischen den Gegensätzen aufzuheben. Gerade so ist ein lebendiger Kosmos entstanden, in dem wir uns heute wiederfinden können und der uns Hoffnung gibt, dass auch wir so einen Kosmos aus dem Chaos unserer eigenen Lebensgeschichte formen können.
Das zweite Zitat Jungs lautet:
Aller Gegensatz ist Gottes, darum muss sich der Mensch damit belasten, und indem er es tut, hat Gott mit seiner Gegensätzlichkeit von ihm Besitz ergriffen, das heißt sich inkarniert. Der Mensch wird erfüllt vom göttlichen Konflikt.
Die Erfahrung der eigenen Gegensätzlichkeit ist für Jung also nicht ein Zeichen mangelnder Selbstwerdung oder mangelnder Gotteserfahrung. Vielmehr erfährt der Mensch gerade in seiner Gegensätzlichkeit Gott, der über allen Gegensätzen steht und den Nikolaus Cusanus die »conincidentia oppositorum – das Zusammenfallen aller Gegensätze« nennt. Thomas Merton wurde durch die Erfahrung seiner inneren Zerrissenheit für Gott aufgebrochen und hat das unbegreifliche Geheimnis Gottes, das jenseits aller menschlichen Gegensätze steht, gerade in seiner Gegensätzlichkeit erahnt und erfahren.


 
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